Zizenhausen
Kessi 11. Juni 2008
An der Außenseite der Kirchenmauer in Hindelwangen ist ein Gedenkstein eingemauert, dessen Inschrift folgenden Inhalt hat:
Ruhestätte des Wohlgeborenen und Hochgeehrten Herrn Marx Jakob Schalber von Schalberg, des Zizenhausers Berghammerwerks wirklichen Verweser, dann der Kaiserliche Königlichen V. Ö. Berggerichts seit 1783 zu Freiburg gewesten Beisitzers. Der Edle vollendete seine verdienstvolle Laufbahn im 71. Jahre seines Alters 7. Merz 1805
Ewiger Friede sei die Asche des Entseelten!
Dieser Grabstein erinnert an die Zeit, da die Gemeinde Zizenhausen als Filial zur Pfarrei Hindelwangen gehörte. Da Zizenhausen also Jahrhunderte lang als Teil unserer Pfarrei eng mit Hindelwangen verbunden war, soll diesem Ort ein kurzes Kapitel gewidmet sein:
Zizenhausen ist sehr alt, schon im Jahr 760 besaß das Kloster Moosbach im Elsass hier Güter. Der Name des Ortes lautete damals „Zozikuses“. Später erhielten es die Freiherren von Reischach als österreichisches Lehen, traten es aber bald an andere ab (von Salis) 1787 (nach andern schon 1781) kaufte der österreichische Landvogt und Landrichter Herr von Kraft zu Fronberg das Dorf. Er errichtete eine Ziegelhütte, eine Ölmühle (diese fiel im Sommer 1924 einem Brand zum Opfer) eine Brauerei und eine Indienn oder Zizfabrik. Die Ableitung des Namens Zizenhausen von dieser Zizfabrik wie manche meinen ist Irrtum, denn diese wurde erst 1787 gegründet, zu einer Zeit also als der Ort schon Jahrhunderte lang seinen Namen führte, der wie oben erwähnt, schon 760 in der Form von Zozikuses urkundlich erwähnt wird. 1806 kam mit der Landgrafschaft Nellenburg auch Zizenhausen von Österreich weg an Württemberg, seit 1810 war es badisch.
Das eigentliche Dorf zeigt sich lang gestreckt durch das Tal der Aach und hat eine Ausdehnung von zwei Kilometern. Der nördliche Teil, die Schmelze, verdankt seinen Namen dem ehemaligen Hüttenwerk, das im Jahre 1863 seinen Betrieb einstellte, und an dessen Bestehen noch das Gasthaus „ZUM EISENWERK“ erinnert. An die Schmelze schließen sich noch die Ortsteile Stampfwiesen und Segge an. Die Bezeichnung Stampfwiesen wird von einer Mühle abgeleitet, die dort stand, und in der Hirse gestampft wurde. Der Name Segge aber ist aus dem Riedgras (Segge) zu erklären, das dort häufig wächst.
Von der Krone aus zieht ein langer Zinken des Dorfes den Anhöhen folgend zum Sennhof, einem ehemaligen Lehenshof der Landgrafen von Nellenburg, zum Ortsteil Windegg.
Auf der Ostseite wird das Aachtal von dem steil emporsteigendem Heidenbühl begrenzt. In die Molassefelsen sind zahlreiche Höhlen eingegraben. Die Entstehungszeit geht weit in die Erdgeschichte zurück. Die Gelehrten sprechen von 30 Millionen Jahren, ein Zeitraum, für uns kurzlebige Menschen fast unvorstellbar. Kein Buch und keine Schrift meldet uns von jenen fernen Tagen, denn es wohnten damals noch keine Menschen hier. Aber der unermüdliche Menschengeist versteht auch aus der Erde zu lesen. Und so wissen wir, dass die Molassefelsen ein Gebilde des Wassers sind, eines Süßwassersees, der von Genf bis nach Bayern hinein, ja bis nach Wien sich erstreckte. Es gingen 3 Eiszeiten über unsere Gegend hin, deren letzte schon 15000 Jahre zurückliegt. Erst dann trat der Mensch auf. Es war eine verhältnismäßig leichte Arbeit, in die weiche Molasse Höhlen einzugraben.
Über den Ursprung und Zweck dieser Höhlen hat man nur unsichere Vermutungen: sicher ist jedenfalls, dass sie als menschliche Wohnstätten dienten. Man glaubt, dass sie den ersten Christen des Bodenseegebietes (auch bei Überlingen und Bermatingen befinden sich solche Höhlen) bei Verfolgungen derselben als Schlupfwinkel dienten. In schriftlichen Aufzeichnungen findet sich nirgends eine Spur über die Begründer dieser „Heidenhöhlen“. Auch hat man keine Hinweise, die auf den ursprünglichen Zweck hindeuten, wie etwa im bekannten Kesslerloch bei Thaingen.
Kehren wir nun in die Gegenwart zurück! Am Fuße des Heidenbühls breitet sich der Ortsteil Bleiche aus. Hier wohnte auch das Geschlecht der „Sohn“, weit bekannt und geachtet durch die Zizenhauser Tonfiguren, die der Zizenhauser Bildermann Andreas Sohn und seine Nachkommen herstellten, und die weit Verbreitung fanden.
Im Tale unten liegt zwischen Buchen und Tannen ein schönes Barockschlösschen mit doppeltem Dach, einst der Sitz der Freiherren von Buol-Berenberg.
Der Name Zizenhausen wurde nicht immer mit Respekt genannt. Vor mehr als 130 Jahren muss es (J. W. E. im Südkurier Nr. 45 – 1953) eine Art Segringen gewesen sein, ein Schauplatz für Johann Peter Hebel’sche Geschichten. Daran trug aber die weitaus größte Zahl der alteingesessenen Bevölkerung keine Schuld. Es kam folgendermaßen:
Als Freiherr von Krafft 1787 seine Zizfabrik gründete, suchte er hierfür etwa 200 Arbeitskräfte zu günstigen Siedlungsbedingungen. Außer diesem Unternehmen wurden fast gleichzeitig noch eine Puder- und Stärkefabrik, sowie eine Seifen- und Lichterfabrik aufgemacht. Das alles bedingte einen erheblichen Zulauf von Menschen von auswärts. Unter diesen befanden sich naturgemäß, wie das auch anderwärts der Fall ist, asozial eingestellte Elemente, die den Ruf des Dorfes stark beeinträchtigten. Dazu kam, dass schon nach wenigen Jahren (1800) die genannten Fabriken wegen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ihren Betrieb wieder einstellten. Die zugezogenen Familien, die in der kurzen Zeit kaum recht Fuß gefasst hatten, wurden arbeits- und brotlos. Notgedrungen verlegten sie sich auf Hausiererei und landfahrende Gewerbe. Wer konnte ihnen daraus einen Vorwurf machen? Übrigens haben die wirklich asozialen Elemente nur eine Gastrolle, wenn auch eine längere, gespielt. Sie sind in der ersten Hälfte und in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe des badischen Staates ausgewandert. Durch Hunger gezwungen haben aber auch wertvolle Menschen der Heimat, da dieselbe sie nicht ernähren konnte, den Rücken gekehrt, um jenseits des großen Wassers eine neue Existenz zu gründen.
Seitdem kann sich Zizenhausen neben jeder andern Gemeinde unseres Vaterlandes sehen lassen. Ihre fleißigen Einwohner finden außer in den Betrieben in Zizenhausen (Sägewerke, Spinnerei, Weberei, usw.) in den Fabriken in Stockach, Radolfzell, Singen, usw. Arbeit und Verdienst.
In der ersten Hälfte der 1890er Jahre wurde eine neue schöne Kirche gebaut und Zizenhausen wurde eine selbständige Pfarrei, die durch Abtrennung von Gütern der Pfarrei Hindelwangen dotiert wurde. Auch ein neues Schulhaus wurde gebaut, und die Gemeinde nahm einen erfreulichen Aufschwung. Ihre Einwohnerzahl betrug im
Jahre: 1818 1852 1871 1890 1901 1925
Einwohner: 867 1171 1053 1051 1155 1131
Im Jahre 1953 hast sie nahezu 1300 erreicht.
Diese Seite hat folgende Unterseiten:
- Keine Kommentare