Zur Geschichte der Hindelwanger Wallfahrt

Kessi 11. Juni 2008

Die St. Michaelskirche in Hindelwangen birgt als kostbares Kleinod eine gotische Statue, genannt “Schmerzenzmutter zur Ablösung”. Unter diesem Bild wird die Mater dolorosa von dem Volke der näheren und weiteren Umgebung verehrt, sodass hier eine Wallfahrt besteht, die besonders besucht wird an Feiertagen der Fastenzeit und an den 2 Schmerzensfesten (Freitag vor Palmsonntag und Mitte September). Früher, wie alte Leute vom Hörensagen berichten, sei der Besuch noch viel stärker gewesen. Sichere Nachricht über die Geschichte der Wallfahrt ist noch nicht zu finden, da die Akten mit dem alten Pfarrhause in einer unglücklichen Nacht verbrannt sind.

Die Zeit des Josefinismus und der Aufklärung war dem Wallfahrtswesen nicht günstig und so scheint auch in Hindelwangen die Wallfahrt in Vergessenheit geraten zu sein. Das geht aus Aufzeichnungen eines Vikars Augustin Rohrer aus dem Jahre 1869 hervor. Dieser Vikar schreibt folgendes:

C h r o n i k der Bruderschaft der „Sieben Schmerzen“ in der Pfarrei Hindelwangen: O. A. M. D. G.

Am 10. September 1863 kam Augustin Rohrer von St. Peter in Hindelwangen als Vikar an. Angst und Bangigkeit hätte den Neupriester wohl gefesselt, wenn nicht das Vertrauen in die allmächtige Hilfe Gottes, dem er sich so ziemlich geweiht und geopfert zu haben meinte, und in die mächtige Fürbitte der Mutter Gottes, zu der er ein besonderes Zutrauen genommen hatte, ihm Mut eingeflößt hätte. Denn vor seiner Ankunft schon kam er zur Überzeugung, dass die Hindernisse, die seinem Wirken entgegenstehen würden, furchtbar groß seien und dass am Orte seiner Wirksamkeit das größte moralische und physische Elend herrschte.

Beim Augenschein fand er sich auch hierin durchaus nicht enttäuscht. Wenn er die Not der Armut, zumeist bei Kranken sah, stieg mancher schmerzlicher Seufzer aus seiner Brust empor: die Not ist eine allgemeine. Aber das Schlimmste war eben und ist eben ein Gefolge der Armut – das Sittenverderbnis und damit der Unglauben verbunden. Der religiösen Pflege entbehrte zudem fast ganz der größere Teil der Pfarrei, das Filial Zizenhausen. Denn seit seinem Bestehen hat das 12 – 1400 zählende (Seelen) Dorf noch keine eigene Kirche, und die Pfarrkirche Hindelwangen selbst vermag kaum den dritten Teil der verpflichteten Kirchgänger zu fassen, daher entbehren sie des Gottesdienstes, und der Kirchenbesuch ist bei einer sehr großen Anzahl außer Gewohnheit gekommen. Zu diesem trug auch bei die Armut, verbunden mit Hochmut. Viele entbehren des schmucken Kleiderstaates, und ohne solchen wollen die Leute nicht in die Kirche, sie sagen, sie werden verlacht und groß angesehen.

Endlich trug dazu bei die verdammte, 10000mal verdammte Wessenbergerei oder die kirchliche Revolution einer unwürdigen, glaubenslosen und sittenlosen, geizigen, feigen und glaubenslosen Geistlichkeit, die in ihrem frechen Hochmut alle Religion hinwegeiferte (nur nicht die Temporalien) und bei ihrer inneren Leerheit und Gehaltlosigkeit nichts zu geben imstande war, deren Predigten leeres, unsinniges, unchristliches und unwahres Gerede, in deren Augen die Beichte nichts als eine Zuspruchsanstalt, die überhaupt von der Kirche und ihre Lehre nichts glaubten und nichts wussten, und darum auch ihre Gebote nur missachteten und mit Füßen traten, die nur mit dem Beispiel des Geizes und oft der Unsittlichkeit vorangingen. Und was musste die Wirkung einer solchen jahrzehntelang fortgesetzten und noch fortdauernden Wirksamkeit sein?

Eine Sache die zur Überzeugung bringt, es könne kein größeres Unglück für eine Gegend geben, als eine Reihe solcher Geistlichen. Der ganze Seekreis bietet nun, oder bot in andern Pfarreien, das Bild der religiösen Erstorbenheit. Darauf kam Unglauben und Liberalismus (Wessenbergerei) im Volke. Und von diesem Seekreis ist die Pfarrei Hindelwangen (Zizenhausen) das eiternde Geschwür, der Sammelpunkt der Giftigen und Faulen. Und diese Krankheit ist umso schwerer zu heilen, weil sie chronisch ist. Es sind die Erinnerungen an ein religiöses Leben untergegangen, schon darum, weil die ganze Einwohnerschaft in Hindelwangen und Zizenhausen eine fremde, aus aller Welt zusammen gelesene und zusammengelaufene ist. Zum größten Teil aus vagabundierenden Bettlerfamilien. Dieser Bevölkerung ist Religion ein spanisches Dorf. Daher wird man bei Predigten groß angeschaut, ausgelacht und im besten Falle bleibt doch wieder alles beim Alten. Daher war auch der Eifer des vorhergehenden Pfarrverwesers Gampp nicht von Erfolg begleitet.

Und solche Anstalten traf nun der neue Vikar an, um das Elend zu steuern? Eine schmucklose Kirche, Standesbuchführung und Kassiererei, schmucke reine Wäsche in der Pfarrei, aber ekelhafter Schmutz und Ärmlichkeit in der Kirche. Silberne Löffel beim Essen und Messingblech beim Celebrieren, selbst bei den höchsten Festen; saubere Taschentücher und allfarbige schmutzige Corporalien, reinliches Tafelgeschirr und bei der ersten Celebration der Staub von vielen Wochen aus den Kännchen auf dem Kelche schwimmend. Kanapees im Pfarrhaus und ein Messstühlchen aus alten Brettern in der Kirche. Da war leicht zu erkennen, für was man Gefühl und für was man keines hatte. Nun ist es eben eine sogen. 3 – 4000 fl. Kirche (Pfarrei). Man konnte es nicht anders erwarten. Diese, nicht die Seelen haben Anziehungskraft! Die Temporalien sind nicht zu unterschätzen. Das Ewige … für seine Ehre muss man sorgen, omnia ad majorem honorem m e u m … man kann das andere nicht anders machen, nun man lässt es gehen und sucht aus dem Spiel mit zusammenhausen gut wegzukommen, ärgert sich über den Vikar und ist voll Ingrimm gegen das Ordinariat: der Dorfpapst über den Standesbüchern und Rechnungen.

So war der erste Eindruck für den neu aufgetretenen Priester gewiss ein verzweifelter, und es musste umso tiefer empfindlicher für ihn sein, als er gerade von Haus aus eine Liebe für kirchliche Pracht und Anstand und Liebe für die Kirche und ihre Vorschriften, besonders die Rubriken mit sich brachte, welche er in schnödester Weise verachtet sah. Nun, es war auch nichts anders zu erwarten von einem alten Versuchsstifter einer deutschen Religion.

Und in der Folge kam eine unangenehme Erfahrung nach der andern. Am Patrozinum hatte er beim Beginn der Predigt leere Stühle vor sich – natürlich, es hat ein bisschen geregnet. Bei der ewigen Anbetung am Schlusse ein Sänger mitsamt dem Schulmeister, der noch zu spät kam und obgleich es Sonntag war, so haben die Parochianen doch für besser gefunden zu mosten, statt zu beten, die Kirche war spärlich besucht.

Am Vorabend von Allerheiligen war Beichttag verkündet – für zwei Beichtväter – eine Person zu hören. Das feierliche Versehen war abgeschafft – in einer kath. Landgemeinde: einmal so gemacht, angebettelt und Kinder wollten ihn die Hand geben. Daher hatte er dieses satt. Der Vikar sagte, von jetzt an gehe er nur noch feierlich. Zuerst im Allgemeinen zufrieden, allein seiner Hochwürden der Herr Pfarrer, Großherzogl. Dekan wollten keinen Skandal und beliebten mit Spazierstöcklein und Hut zu gehen und lieber den Bettlern Ehrfurcht bezeugen als dem Heiland. Nun gesegnete Wirksamkeit dem Herr Vikar. Kommt jetzt das Versehen, so passiert es ihm, dass die Leute in die Häuser hineinspringen und schon von liederlichen Dirnen, über ihn, mit dem Sanktismus in der Hand, gelacht worden. Im Winter, bei einer ziemlich großen Kälte d r e i erwachsene Mannspersonen in den Kirchenstühlen, etliche Kinder und Frauenspersonen.

In der Osterzeit auf einen Tag eine Klasse zum Beichten eingelanden – am Samstagnachmittag vor Passionsonntag – erschienen war – N i e m a n d.

In der Schule gelacht über ihn, gar nichts gelernt, gar bald kam die Überzeugung, da ist Unglauben und Verdacht: es sei sittliche Verkommenheit unter den Kindern, Beispiele von Rohheit und Grausamkeit. Erstkommunikanten durfte man nicht mehr in die Kirche führen wegen den pöbelhaftesten und rohesten Störungen. Überhaupt ist alle Ehrfurcht vor dem Hause Gottes augenscheinlich geschwunden. Die Erwachsenen benehmen sich auch bei weitem nicht wie es zu wünschen wäre, und bei den Kindern war der Unfug gar arg, nur der größte Ernst mochte einige Besserung hierin bewirken. Bei der Christenlehrjugend schlugen bis daher fast alle Mittel und Versuche fehl. Auf alle Gründe die man vorhält, um sie zur Ruhe und Ordnung zu bewegen, lachten sie. Ob Gründe der Religion, der Ehre oder des Anstandes. Dieses letzte Übel die Unarten in der Kirche, sind umso schwerer zu heilen als gerade die Personen, von denen man es zuerst erwarten sollte, das gute, bessere Beispiel versagen. Durch würdeloses, willkürliches, ganz rubrikenwidriges Celebrieren, durch Störungen der Hl. Messe, durch überlautes Diskutieren in der Sakristei, durch Benehmen, das nicht gerade den besten Glauben zur Schau trägt. Den Messner sah der Vikar einmal selbst den Tabernakel öffnen, bedeckten Hauptes in der Kirche arbeiten. Kälte, Kälte, Kälte – Unglauben, Rohheit, religiöse Verwahrlosung und Verwilderung, sittliche Verdorbenheit, liberaler, ungläubiger Hochmut, Lüsternheit nach dem Kirchengut und dabei – größte Armut.

In diesem Zustande traf der genannte Vikar die Pfarrei Hindelwangen, aller Hilfe und Unterstützung von Seiten des Pfarrers bar, ja gefasst auf alle Ränke und geheime, feige Bosheit von jener Seite, stand er wie verzweifelt ratlos da, hätte gerne geholfen, und doch war es ihm unmöglich. Unter der allgemeinen, so wenig von den meisten nur recht gefühlten Not, blutet ihm das Herz. Manchmal fühlt er sich wie vernichtet in seiner ganzen Ohnmacht gegenüber diesen Schwierigkeiten und diesem Elend. Allein, weil er sich Gott geweiht hatte, so weihte er sich auch in dieser Gegend Gott, er wolle sich für sie hinopfern und ihr zu helfen suchen.

In dieser Gesinnung und im Vertrauen auf Gottes Hilfe und der lieben Schmerzenzmutter, fasste er nun den Entschluss die erloschene Bruderschaft der „Sieben Schmerzen“ wieder ins Leben zu rufen, umso mehr, als er schon mehrmals sichtlich die Hilfe der Schmerzensmutter erfahren hatte. So war er vom Sterbenden, denen er in den letzten Stunden beistehen wollte, brüsk abgewiesen worden. Voll tiefsten Schmerzens begab er sich in die Kirche, kniete vor das Bild der Gnadenmutter und betete immer wieder 7 Ave Maria zu Ehren der 7 Schmerzen Mariä und siehe, der ihn grob abgewiesen hatte, ließ den Priester holen und starb versöhnt mit seinem Gott.

So ließ sich also der Vikar durch keine Schwierigkeiten abhalten, die Errichtung der „Sieben Schmerzens-Brüderschaft“ durchzuführen. Er überwand alle Widerstände, die ihm besonders auch durch die beiden Vorgesetzten, Dekan Wiggenhauser und durch Stadtpfarrer Diez von Stockach entgegengesetzt wurden.

Mit den Erstkommunikanten begann er sein Werk; sie waren die ersten Mitglieder, die er einschrieb in die Bruderschaft, und das zarte Pflänzlein schlug Wurzeln und trieb Blüten und Früchte.

Die Zeiten hatten sich geändert. Die alten Wessenbergianer waren ins Grab gestiegen. Eine neue Priestergeneration war herangewachsen, das kirchliche Leben nahm einen erfreulichen Aufschwung in den deutschen Landen. Die Filialgemeinde Zizenhausen erhielt 1894 eine eigene Kirche und wurde eine selbständige Pfarrei.

Auch auf wirtschaftlichem Gebiet war eine Aufwärtsentwicklung vor sich gegangen. Neue Industriebetriebe hatten sich in der Umgebung aufgetan, und aus den fahrenden Hausierern und Handelsleuten Zizenhausens, die sonst meist nur an Sonntagen zu Hause waren, waren sesshafte Industriearbeiter geworden.

Was als Pfarrei Hindelwangen übrig geblieben war, war eine gut bäuerliche Bevölkerung, die in der Hauptsache mit der Kirche und der Religion in Frieden lebte.

Im Jahre 1914 zog der Militärgeistliche Cäsar Heusch als Pfarrer in Hindelwangen auf, und er wurde ein zweiter Erneuerer und Förderer der Wallfahrt und Bruderschaft der „Sieben Schmerzen“ in Hindelwangen. Er ließ ein Bruderschaftsbüchlein drucken, führte unter Mithilfe des Hauptlehrers und Organisten Anton Horn ein Wallfahrtslied ein und brachte den „Siebenschmerzensrosenkranz“ wieder in Gebrauch.

Doch lesen wir, was Pfarrer Heusch selbst im Jahrgang 1919, Heft 8 der Zeitschrift „Monatsrosen“, Innsbruck, über die „Schmerzensmutter zur Ablösung“ in Hindelwangen schreibt.

In dem vor Kurzem noch tobenden, blut- und tränenreichen Weltkrieg hatte sich der Besuch der Wallfahrt wiederum gesteigert. Man konnte untertags kaum einmal die Kirche betreten, ohne dass sich ein frommer Pilger dort befand. Bald waren es Kinder, die von der Mutter geschickt die unschuldigen Händchen empor streckend, zur Himmelmutter für den Vater oder Bruder draußen beteten, bald kniete eine Mutter da und vertraute der Schmerzenzmutter ihre Not und Sorge. Dann wieder stand in einer Bank hinten ein Mann und bewegte die Lippen, endlich kniete sich in eine Bank ein Krieger, der von der Front kam oder wieder hinaus musste in das Kugelwetter und empfahl sich und die Seinen dem Schutze der Gnadenmutter. Besonders liebt es das gläubige Volk, jemand nach Hindelwangen zu schicken, „zur Ablösung“ wenn ein schmerzgeplagter Erdenpilger den Wanderstab ablegen soll und, wie man sagt, nicht sterben kann. Dann beten sie, dass „es rum oder num“ geht, dass es eine Änderung nehmen möge zur Gesundung oder zur Erlösung. Und es sind gerade darin manche Fälle bekannt, wo das heiße Flehen Erhörung gefunden hat.

Da der Krieg jene in größere Zahl anzog, die mühselig und beladen sind, lag es nahe, dass wir uns des Schutzes der Schmerzensmutter fester als seither versicherten. Deshalb wurde im Jahre 1915 die sieben Schmerzensbruderschaft wieder auf eine neue Grundlage gestellt und damit die Segensquelle für unsere Pfarrei und fromme Pilger erneuert. Jeden Freitag, als dem Wallfahrtstage, beten wir seither den Sieben-Schmerzens-Rosenkranz bei der hl. Messe, die am Gnadenaltar dargebracht wird (zu etwas späterer Zeit als gewöhnlich, mit Rücksicht auf Auswärtige). Wenn möglich die entsprechende Motivmesse. Jeden dritten Monatssonntag wird morgens mit bischofflicher Genehmigung am Schlusse des Hochamtes das schöne Gebet für allgemeine Anliegen aus dem Bruderschaftsbüchlein, Seite 24 verrichtet und der sakramentale Segen erteilt.

Nachmittags ist Bruderschaftsandacht aus unserm schönen Diözesengesangbuch, abends ist Siebenschmerzensrosenkranz. Jeweils werden bei diesen Gelegenheiten die ergreifenden Lieder zur Schmerzensmutter eingefügt.

Der Krieg hat sich diesen Gedanken nahe gelegt, dem ehrwürdigen Wallfahrtsbild, das seither so sehr einfach aufgestellt war, dass es vielfach nicht beachtet wurde, einen seinem Zwecke und seiner Bedeutung entsprechende Fassung und Aufstellung zu geben. Das ist nun geschehen in der rühmlichst bekannten Kunstwerkstätte von Mezger in Überlingen am See und möglich geworden durch zum Teil recht ansehnliche Spenden und Almosen von hiesigen und auswärtigen Verehrern. Am letzten September – Schmerzensfest 1918, wurde zur Neuaufstellung eine kleine, besondere Feier veranstaltet, da zudem großer Ablasstag der Bruderschaft war, kam morgens zum Hauptgottesdienst und den ganzen Tag über eine große Anzahl Leute, die beteten und schauten. Und was war und ist zu sehen? Die Schmerzenzmutter sitzt unter dem Kreuze, dem blassen, verschundenen blut- und schmutzbedeckten Leichnam ihres einzigen Sohnes auf dem Schoß. „Groß wie das Meer ist ihre Betrübnis“. Da sie das Jammerbild sieht und die Wunden betastet. Das will uns sagen, das blutigrote Gewand, das Maria trägt, das erzählen uns die blutigen Tränen, als Blutstropfen seit alter Zeit auf dem Bild dargestellt, die über schmerzverzogenen Züge des edlen Mutterantlitzes rinnen.

Wer sollt sein so hart von Herzen,
Der könnt schauen ohne Schmerzen
Jesum auf der Mutter Schoß:
Unaufhaltsam niederfließen,
Heiß vom Schmerze grenzenlos?

Grenzenlos ist das Leid, weil grenzenlos die Liebe. Darum trägt Maria einen Mantel, der ganz vom Golde glänzt, selbst unter dem blutigen Rot des Kleides schimmert Gold hindurch, weil wertvoller als Gold und alle Kostbarkeit echte, tiefe, goldene Gottesliebe ist. Jesus auf der Mutter Schoß ist aber nur eine Szene aus dem lebenslänglichen Trauerspiel der Schmerzenzmutter. Die andern Hauptstationen ihres Leidenslebens hat der Künstler im grünen Silberkranze um das Hauptbild in sprechenden Darstellungen geschickt nur angedeutet, um die Aufmerksamkeit vom Hauptbilde nicht abzulenken.

Auf Gottesergebenen Leiden folgt entsprechende Herrlichkeit diese erstrahlt gleichsam in der Ferne an der Rückwand des Altars in dem feierlichen Goldglanz. Der sagt uns zugleich, dass Marias Gnadenfülle und Verdienste auf uns, ihre Kinder ausstrahlen durch ihre allmächtige Fürbitte an Gottes Gnadenthron.

Darum laden uns auch liebliche Englein mit verzücktem Blick ein zu unbegrenztem Vertrauen und zum Gebete: „In allen Nöten des Lebens wie in den Schrecken dieses Weltkrieges hilf uns, o Schmerzensmutter zur Ablösung.“

Und dieser dringenden Einladung folgen sie draußen an der Front und in der Heimat. Der Künstler zeigt uns zwei ganz der rauen Wirklichkeit abgelauschte und abgeschaute wahrhaft ergreifende Bilder:
Hier zwei knieende Krieger in voller Ausrüstung, einer Verwundet, ein schon älterer Landsturmmann mit struppigem Bart, dort der Vertreter jener Leute, die jetzt die Arbeit in der Heimat leisten müssen, doppelte, ja dreifache Arbeit, ein greiser Bauersmann mit tiefen Sorgenfurchen auf seiner Stirne, die Sense in der müden Hand, und eine Frau, die Hände an dem Pflug, es ist wie wenn sie beim Betzeitläuten in ihrer Arbeit einen Augenblick stille hielten, um im Aufblick zur Gottesmutter neue Kraft zu gewinnen.

Alle Liebe, Vertrauen und Ehre, die wir Maria zuwenden, geht letzten Endes auf den, der „Großes tat an Ihr“, durch Maria zu Jesus, zu Gott! Darum ist, wie man den Kleinen sagt, das goldene Häuschen das Tabernakel angebracht, das zu uns spricht: „Der gute Herr, der am Kreuze verblutend das große Opfer der Erlösung darbrachte, wendet auch dir auf seiner hl. Mutter Fürsprache, die Kraft und Gnade seines Opfers zu, wenn er unter geheimnisvollen Gestalten in der hl. Messe sich dem himmlischen Vater darbringt, besonders dann, wenn der geweihte Priester den hl. Tabernakel öffnet und dir die hl. Hostie auf die Zunge und in das Herz legt mit den Worten, „Der Leib unseres Herrn Jesu Christi bewahre deine Seele zum ewigen Leben.“

Diese stumme und doch beredte Predigt hält das Schmerzensbild in seiner neuen Fassung und Aufstellung. Ein Großteil der Pfarrangehörigen hat sich seit der Gründung mit vielen Auswärtigen, es sind gegen 300 – in die Schmerzhafte Bruderschaft einschreiben lassen und sich der Gottesmutter anempfohlen, besonders für die Stunde der Ablösung. Wie schön und segensreich müsste es sein, wenn es frommer Brauch würde, dass niemand in der Pfarrei mehr ist, der sich der Bruderschaft nicht anschließt. Wenn jede Mutter ihr Kind vom ersten Dasein an unter dem Schutz der Himmelsmutter stellte und nach der hl. Taufe, an deren Altar ihr Kleinstes der Gottesmutter weihte. Wie segensreich, wenn niemand in die Ferne ginge oder heimkehrte, ohne der Schmerzensmutter den letzten Abschieds- oder Willkommensgruß zu weihen, insbesondere soll das schöne Bild und der Wallfahrtsaltar während des Krieges uns allezeit erinnern, dass denen, die Gott lieben alles, auch die Kriegsnot, zum Besten gereicht. Wenn wir in die Fußstapfen unserer himmlischen Mutter eintreten, mit dem Wahlspruch: “Wie Gott will!” und uns die Kraft holen im vertrauten Anschluss an unserem Gott im heiligsten Sakrament.

Wenn dann wieder bessere Tage kommen und zehn und Hundert und noch mehr Jahre verflossen sind über den Weltkrieg und andere Kirchenbesucher und andere Pilger sich vor dem Gnadenbilde einfinden und der Altar noch in seiner jetzigen Form steht, da mag wohl ein späterer Prediger den andächtigen Zuhörern erklären, was dieser Weltkrieg im Anfang des 20. Jahrhunderts für eine ernste schwere Zeit gewesen sein muss. Da habe Gottes Gerechtigkeit schrecklich die Zuchtrute geschwungen und habe die Völkersünden des Hochmuts, der Habgier, der Genusssucht und Sittenlosigkeit durch Ströme von Blut, von frischem Menschenblut, abgewaschen. Man glaubte fertig werden zu können ohne Gott. Aber es hat auch andere gegeben, die nicht mit dem allgemeinen Strome schwammen, die mit hellem Auge und klarem Sinn in die Welt hineinschauten, die aufrecht stehen blieben vor der Welt, ihre Knie aber beugten vor Gott im Gebet und in der Buße. Das mag späteren Jahrhunderten unser kirchliches Kriegerdenkmal erzählen.

Und wenn dann jene fernen Kirchenbesucher einer schöneren Zeit sich freuen, die christlicher Glaube und Leben heraufgeführt hat, dann können sie mit uns noch sprechen: „Gesegnet sei des Herrn Hand, die uns durch die Schreckenszeit des Weltkrieges näher zu Gott gebracht, Gnade und Friede vermittelt hat auf die Fürbitte unserer Schmerzensmutter von der Ablösung.“

So schrieb der Pfarrer Cäsar Heusch im Jahre 1918. Er konnte nicht ahnen, dass schon nach 20 Jahren ein zweiter, noch viel furchtbarer Weltkrieg über die Völker rasen werde. Es waren zu wenig der Aufrechten gewesen, die ihre Knie vor Gott beugten, die übergroße Zahl glaubte wieder fertig werden zu können ohne Gott und folgte einem Scharlatan, der die Nation in eine Katastrophe führte, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Das Gnadenbild auf dem Wallfahrtsaltar aber steht unversehrt und so können wir am Schlusse unsrer Chronik mit Pfarrer Heusch hoffen, und wünschen, dass kommende Generationen einer schöneren Zeit sich freuen, die Christlicher Glaube und Christliches Leben heraufgeführt haben.

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