Die Pfarr- und Wallfahrtskirche zu Hindelwangen
Kessi 11. Juni 2008
Die Gemeinde Hindelwangen besitzt ein sehr altes, heimeliges Kirchlein, das dem Hl. Erzengel Michael geweiht ist. Urkundlich erscheint die Kirche erstmalig 1275 als „ecclesia Hundelwanch“ in decanatu Thudewanch“ (Dekanat Deutwang). Während schon 1243 ein Chonradus plebanus de Hundelwanc genannt wird. (Konradus, Leutpriester von Hindelwangen). Die Pfarrei wurde gegründet aus der ehemaligen Jagdkaplanei der Grafen von Nellenburg, welche lediglich für die Hofkaplanei auf der Nellenburg gestiftet war, denn der Kaplan von Hindelwangen, der in einem Jagdschloss der Grafen von Nellenburg in Hindelwangen domilizierte, war Hofkaplan zu Nellenburg. Die Grafen von Nellenburg saßen auf dem eine halbe Stunde entfernten Schloss Nellenburg, dessen Ruine samt dem Gutshof noch zur Pfarrei gehört. Die Jagdkaplanei wurde nachher zur Pfarrei erhoben und später bezog der Pfarrer von Hindelwangen das für den Jagdkaplan ausgeworfene Deputat von 22 fl. 30 Kr. Solange die Burg stand, musste der Schlosskaplan von Hindelwangen eine Wochenmesse lesen.
Auch ein Nonnenkloster, genannt „zu den frommen Wärterinnen“ soll in Hindelwangen bestanden haben, das mit den Grafen von Nellenburg aufhörte. Den Nonnen oblag die Wartung am Krankenbett, der Chorgesang und das Gebet in der gräfl. Kapelle. Das Einkommen des Stiftes bestand in dem größten Teil des Großzehntes zu Hindelwangen, der später zum Pfarreinkommen geschlagen wurde.
Die Kirche zu Hindelwangen besaß unter dem Chor eine Familiengruft der Nellenburger, die heute nicht mehr zugänglich ist. Ende des 18. Jahrhunderts soll man noch an der Kirchenmauer Spuren von einer Chortüre gefunden haben, durch welche die frommen Nonnen in die gräfliche Gruft gingen. Von der Gruft stammt noch ein in die Mauer der Kirche eingelassenes Epitaph, das ursprünglich wohl als Grabplatte über der Gruft lag. Es zeigt ein großes Hirschgeweih und die Umschrift:
“Anno Domini MCCCLXXI oblit Eberhardus comes de Nellenburg VI Jdus Marcii Jndictio VIII”, die besagt, dass am 6. März 1371 Graf Eberhard von Nellenburg hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Eine zweite Grabplatte ist nicht mehr zu entziffern.
Im Jahr 1410 stiften die Grafen Konrad und Eberhard von Nellenburg, „Söhne Eberhard des J. und der Irmengard von Teck beim Kapitel Stockach einen Jahrtag für sich und ihre Vorfahren, der das eine begangen werden soll. 1474 erfolgt wieder eine Stiftung „vff dornstag vor dem Sonnentag vor der pfaffen vasnacht“ Jahrtag mit 12 Priestern ein Jahr zu Stockach und das andere Jahr zu Händelwang „jeder Priester soll zur präsenz ein schilling pfennig erhalten.“
Das Gotteshaus, ein Zopfbau, enthält 3 Altäre. Auf dem Hochaltar steht die Statue des hl. Erzengel Michael, des Kirchenpatrons, auf dem linken Seitenaltar eine gotische Statue, eine Pieta aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, genannt „Schmerzenzmutter zu Ablösung.“
Ein weiteres Kleinod der Wallfahrtskirche ist sog. Nellenburger Schutzmantelbild, ein prächtiges Hochrelief, gefertigt 1610 von Hans Ullrich Göggler. Es ist eine seiner letzten Arbeiten, denn er starb schon 1611. Sein berühmtestes Werk ist die Schlosskapelle zu Heiligenberg, auch im Münster zu Konstanz konnten Arbeiten dieses Künstlers nachgewiesen werden. Das Schutzmantelbild stellt die Krönung Maria dar, zu deren Füßen Grafen und Gräfinnen von Nellenburg, die sich unter dem Schutze der Gottesmutter stellen. Darunter einer im bischöflichen Ornat, offenbar jener Graf Friedrich von Nellbg. der Kanonikus am Dom zu Strassburg war und 1398 zum Bischof von Konstanz gewählt wurde, nach 10 Tagen sein Bischofsamt wieder neiderlegte und sich auf die Nellenburg begab; drei weitere tragen Ordenskleidung und einer das Chorhemd, also unter 10 Grafen 5 Geistliche. Ebenso sind unter den 11 Gräfinnen drei als Klosterfrauen gekleidet.
Beide Kunstwerke stammen aus der österreichischen Zeit der Nellenburg. Beim Abbruch der Schlossgebäude, der zur Ersparung der Unterhaltungskosten und wegen der Verwertung der Baumaterialien 1782 und 83 ausgeführt wurde, brachte man die beiden Bilder aus der Schlosskapelle in die Hindelwanger Kirche.
Die Pieta ist das Hindelwanger Wallfahrtsbild, unter diesem Bild wird die Mater dolorosa längst von dem Volke der näheren und weiteren Umgebung verehrt, sodass hier eine Wallfahrt steht, die besonders an den Freitagen der Fastenzeit und am Fest der sieben Schmerzen (Freitag vor Palmsonntag) zahlreich besucht wird.
Während des ersten Weltkrieges wurden beide Bilder in der rühmlichst bekannten Kunstwerkstätte von Mezger in Überlingen neu gefasst. Unter dem Schutzmantelbild wurde ein passendes Schild angebracht mit der Aufschrift: „Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schutz für uns daraus.“
Die Statue der Schmerzenzmutter erhielt mit der prächtigen Fassung eine neue Aufstellung. Sie steht auf einem Sakramentshäuschen, zu dessen beiden Seiten der Künstler 2 ergreifende Bilder aus der Zeit des Weltkrieges angebracht hat: Hier zwei Krieger, knieend in voller Rüstung, einer Verwundet dort Vertreter jener Leute, die während des Krieges die Arbeit in der Heimat leisten mussten, ein greiser Bauersmann mit tiefen Sorgenfurchen auf der Stirne, die Sense in der müden Hand, und eine Frau, die Hand am Pfluge. Im Kreise um das Muttergottesbild sind in kleinen Medaillen die andern sechs Schmerzen der Gottesmutter dargestellt. Eine Inschrift besagt: „In allen Nöten des Lebens wie in den Schrecken dieses Krieges hilf uns, o Schmerzenzmutter zur Ablösung.“!
So werden die beiden alten Kunstwerke, die schon Jahrhunderte hindurch gläubige Menschen erfreut und erbaut haben, in ihrer neuen Fassung kommenden Geschlechtern erzählen von ernsten, schweren Zeiten, von den furchtbaren Nöten des Weltkrieges und zugleich vom frommen Opfersinn dieser Zeit, der es ermöglichte, die alten Bilder im neuem Glanze erstehen zu lassen.
Beachtenswert in der Ausstattung der Kirche sind auch die schönen Statuen der 4 Evangelisten mit ihren Symbolen an der Kanzel. In den Jahren 1920 und den folgenden wurden unter Pfarrer Heusch die Fenster erneuert. In der Werkstätte Lütz und Elmt in Konstanz wurden Glasmalereien hergestellt, für den Chor rechts und links vom Hochaltar als Gegenstück zum Erzengel Michael die Erzengel Gabriel und Rafael, im Schiff der hl. Bischof Konrad als Patron der Erzdiözöse, der hl. Isido Patron der Bauern, der sel. Markgraf Bernhard von Baden, Patron des Badnerlandes, die hl. Monika, Patronin der Mütter und zu beiden Seiten der Orgel zwei musizierende Engel.
Bis ins letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts war die große Gemeinde Zizenhausen Filiale der Pfarrei Hindelwangen. Längst war die Kirche zu klein geworden. So wurde dann in Zizenhausen eine eigene Kirche gebaut und dieses zur selbständigen Pfarrei erhoben. Vor der Trennung wurde aber in Hindelwangen im Jahre 1888/89 ein Kirchturm an die Kirche angebaut mit einem Kostenaufwand von annähernd 20000,- einschließlich Restauration der Kirche. Bisher hatte die Kirche nur einen Dachreiter gehabt, indem ein einziges Glöcklein hing. Der neue Turm wurde nun mit drei Glocken ausgerüstet, die vom Glockengießer Blersch in Überlingen gegossen wurden.
Der erste Weltkrieg verschlang diese Glocken im Jahre 1917 und die „geweiht zu Friedensklängen“ mussten sich zu Kriegszwecken einschmelzen lassen. Bald nach Beendigung des Krieges dachte man daran, wieder Glocken zu beschaffen. Durch Sammlungen und wohltätige Stiftungen hatte man bereits den Betrag von 12000,- Mark aufgebracht, der aber durch die harte Inflation wieder in ein Nichts zerrann. Im Jahre 1928 entschloss sich die Gemeinde, für neue Glocken zu sorgen. Glockengießer Grüninger aus Villingen wurde beauftragt diese Glocken zu gießen, und am 23. September 1928 konnte unter dem Jubel von Alt und Jung die Glockenweihe durch H. H. geistl. Rat Dekan Baumann von Bodman vorgenommen werden. Die Glocken wurden auf den Namen St. Michael, St. Maria und St. Joseph getauft. Die St. Michaels-Glocke hatte den Ton Fis, wog 17 Centner und hatte die Inschrift: „St. Michael, beschütz mit diesem Schild und Schwert die Kirch, den Hirten und die Herd.“
Die St. Marienglocke mit 9 Centnern und dem Ton Ais grüßte mit ihrer Inschrift die Gottesmutter: „Gegrüßt seist du Maria“ und mahnte: „So betet all wenn ich erschall!“ Die kleine St. Josefsglocke, auf den Ton Cis gestimmt, hatte ein Gewicht von 5 Centner und trug den Spruch: „St. Joseph will euch freundlich segnen, wenn meine Klänge euch begegnen.“
Es war ein froher Tag, als die Glocken am 25. September das erste Mal in reiner Harmonie erklangen, und jeder Zuhörer hatte nur den einen Wunsch und die Hoffnung, dass die harmonischen Klänge recht lange über unser liebes Heimatdörfchen hintönen mögen, und dass der Allmächtige unser Land bewahren möge vor einer Wiederholung des großen Glockensterbens vom Unglücksjahr 1917.
Diese Hoffnung sollte sich leider nicht erfüllen. Schon nach kaum 14 Jahren fielen auch diese Glocken wieder dem Moloch Krieg zum Opfer. So trauert die kleinste der Glocken einsam auf dem Turm und harrt der Schwestern, die, wenn sie einmal kommen, hoffentlich nicht das Schicksal ihrer Vorgängerinnen teilen, sondern für immer ihren hohen Aufgaben erhalten bleiben. Das gebe Gott!
- Keine Kommentare