Unsere Heimat

Kessi 11. Juni 2008

U r z e i t .

„Wonnig ist’s, in Frühlingstagen, nach dem Wanderstab zu greifen und den Blumenstrauß am Hute, Gottes Garten zu durchstreifen“. (Fr. W. Weber)

Es ist wahrlich ein Gottesgarten, es ist ein herrliches Stück deutscher Erde, unsere Heimat! Nicht ohne Grund singt der Dichter:

„Das Land der Alemannen mit seiner Berge Schnee,
mit seinem blauen Auge, dem klaren Bodensee,
mit seinen gelben Haaren, dem Ährenschmuck der Auen,
recht wie ein deutsches Antlitz ist solches Land zu schauen.“

Benützen wir einen strahlenden Frühlings- oder glutvollen Sommertag zu einer Wanderung, hinauf auf den Berg unserer Heimat, auf die Nellenburg! Welch’ umfassende Fernsicht! Welch liebliches Bild breitet sich vor unseren Augen aus! Ringsherum liegen freundliche Dörfer und Städtchen, um die her saftgrüne Wiesen, wogende Getreidefelder und dunkle Wälder. Vor uns glänzt die glatte Fläche des Bodensees. Aus der weiten Ebene erheben sich die Zacken der Hegauberge: Hohentwiel, Hohenhöven, Neuhöven, Hohenkrähen und Mägdeberg, und aus der Ferne grüßen die schneebedeckten Häupter der Alpen zu uns herüber, alle überragend der alte Seekönig Säntis.

Es ist historischer Boden, der Gipfel der alten Nellenburg, und wenn Steine reden könnten, so würden sie uns manches Interessante zu erzählen wissen von Schwert- und Schildesklang, vom Ausritt zur fröhlichen Jagd und zur ernsten blutigen Fehde. Aber gehen wir um 30 Millionen Jahre zurück in eine Zeit, da der Nellenberg noch nicht mit Burg und Zinnen gekrönt war und noch keine Ritterharfe klang, in die prähistorische Zeit, auch sie ist nicht minder interessant. Zwar meldet uns kein Buch und keine Schrift von jenen fernen Tagen, aber der unermüdliche Menschengeist versteht auch aus der Erde zu lesen. Und so wissen wir, dass unsere Gegend einst mit Wasser bedeckt war. Die Molassewände der Zizenhausener Heidenhöhlen und auch die Heidenhöhlen bei Überlingen erzählen uns, dass sie Gebilde eines Süßwassersees sind, der sich in gewaltiger Ausdehnung von Genf bis nach Bayern hinein, ja bis nach Wien erstreckte.

Zeugen davon sind zahlreiche Funde von Süßwassertieren. Das Alter dieser Süßwassermolasse schätzen die Geologen auf etwa 30 Millionen Jahre. Die gewaltigen Felsen aus Juramassenkalk bei Langenstein erzählen uns dann von anderen Zeiten, in welchen ein Meer unsere Gegend überflutete, und das Becken von Langenstein ist die Auswaschung eines mächtigen Wasserfalls, der einst über die Felsen stürzte, ehe die Gewalt des Wassers in unermüdlicher Arbeit sie durchbrochen hatte. An den Juramassenkalk schließt sich gegen Eigeltingen Juraplattenkalk an, der eigentlich auf dem Juramassenkalk liegen sollte, aber durch Verwerfung sich daneben gelagert hat. (In der Kiesgrube bei Nenzingen ist deutlich eine solche Verwerfung zu sehen.) Da mögen auch die Kegelberge des Hegaus entstanden sein, und das ging so zu: Unsere Erde war Ursprünglich eine zähe feuerflüssige Masse. Immer mehr kühlte sich die äußerste Schicht ab und bildete die Erdrinde.

Im Innern ist heute noch eine feuerflüssige Masse, diese schiebt sich hin und her, dabei entwickeln sich Gase und Dämpfe. Diese sprengten die Erdrinde und hoben die Erdmassen in die Höhe, wobei das Urgestein sich senkte. Durch den gewaltigen Druck, der dadurch auf die tiefer liegenden Massen ausgeübt wurde, hoben sich diese und drängten sich zwischen den Spalten und Rissen der Erdrinde hindurch als Magma oder Lava. Diese erkalteten an der Luft. Aus der feurigflüssigen Masse entstand ein glashartes, sprödes Gestein, das beim Anschlag einen klingenden Ton gibt und deshalb Klingstein oder Phonolith genannt wird. (Hohentwiel.) Auch Basalt, Dolorith, Bimsstein sind auf diese Weise entstanden. Das feuerflüssige Erdinnere, das sich gleichsam in Zellen um einen stahlharten Kern im Mittelpunkt der Erde herumlagert, ist heute noch die Ursache mancher Erdbeben. Es sind die so genannten tektonischen Beben im Gegensatz zu den vulkanischen Erdbeben. Die Beben unserer Gegend sind solche tektonischen Beben, deren Stärkstes im Jahre 1911 stattfand.

Unser Heimatdichter Josef Viktor Scheffel schildert in seinem „Eckehard“ die Entstehung der Hegauberge mit folgenden Worten:

„Als Denkstein stürmischer Vorgeschichte unserer alten Mutter Erde stehen jene schroffen, malerischen Bergkegel in der Niederung, die einst, gleich dem Becken des Bodensees von wogender Flut überspielt war. Für Fische und Wassermöwen mag es ein denkwürdiger Tag gewesen sein, da es in den Tiefen brauste und zischte und die basaltischen Massen glühend durch die Erdrinne spaltend sich ihren Weg über die Wasserspiegel bahnten. Aber das ist schon lange her. Es ist Gras gewachsen über die Leiden derer, die bei jener Umwälzung mitleidlos vernichtet wurden. Nur die Berge stehen noch immer ohne Zusammenhang mit ihren Nachbarn, einsam und trotzig wie alle, die mit feurigem Kern im Herzen die Schranken des Vorhandenen durchbrechen, und ihr Gestein klingt, als säße noch ein Gedächtnis an die fröhliche Jugendzeit drin, da sie zuerst der Pracht der Schöpfung entgegen gejubelt.“

Ein großer Teil unserer Gegend besteht aus Moränen. Das ist der Schutt, den einst die Gletscher hier liegen gelassen haben. Die Moränen erzählen uns also von der Eiszeit. Das ist die Zeit, als unsere Gegend mit Gletschern bedeckt war, wie wir sie heute noch in den Hochtälern der Alpen sehen. Die Gletscher der Alpen reichten damals bis zum Jura, so wie auch in die norddeutsche Tiefebene die skandinavischen Gletscher hineinreichten. Man unterscheidet drei Eiszeiten. – Die letzte dürfte etwa 15.000 Jahre hinter uns liegen. Bei Eigeltingen finden wir die Moränen des Schaffhauser Stadiums, bei Wahlwies die Moränen des Singener Gletschers und bei Deutwang die Überreste der letzten Eiszeit, einen mächtigen Findling (Eratischen Block).

Am Fuße der Gletscher kamen, wie heute noch in den Alpen, die Flüsse hervor. So hatte der Rhein seine Quelle damals nicht am St. Gotthard sondern hier. Er floss dann noch nicht bei Konstanz hinunter, sondern zwischen Bodman und Espasingen hindurch über Stahringen nach Radolfzell. Der so genannte Singener Gürtel ist die Moräne, die sich in einem Bogen von Wahlwies gegen Espasingen hinzieht. Auch durch das Trockental, das von Eigeltingen nach Aach führt, floss einst ein Fluss. Als das Klima milder wurde, schmolzen die Gletscher und ließen ihren Schutt in eben diesen Moränen zurück. Darin liegen oft mächtige Felsblöcke, die so genannten Findlinge oder eratischen Blöcke. Der größte unserer Gegend ist der Findling von Deutwang, in der schon erwähnten Moräne der letzten Eiszeit.

Bei Hödingen findet sich als Spur der Eiszeit die so genannte Gletschermühle, ein ausgeschliffener, runder Felsentrichter, angefüllt mit Findlingsgesteinen aller Arten, die einst durch Kraft des Wassers im Kreise gedreht wurden und dadurch ihre runde Form erhalten haben. Zur Eiszeit lebten hier die nordischen Dickhäuter: das Mammut und das Nashorn. In dieser Zeit bewohnten auch erstmals Menschen unsere Gegend. Zwar gibt uns von jener altersgrauen Vorzeit noch kein geschriebenes Wort Kunde, aber die gemachten Funde in Höhlen, Gräbern und Pfahlbauten erzählen, dass schon vor Jahrtausenden hier Menschen gewohnt haben. (Kesslerbrunn.) Schon Gewannnamen wie Grubenäcker, Knochenacker, Schelmenacker, Bühl und Heidenloch, und andere weisen auf prähistorische Ansiedlungen hin.

Die meisten Funde verdanken wir dem Zufall. An der Pflugschar blieben Reste einer Totenbestattung hängen, der Maulwurf sogar bringt Scherben aus vorgeschichtlicher Zeit ans Tageslicht. Die Art der Funde gibt Aufschluss über die Zeit aus der sie stammen. Die Menschen der Eiszeit kannten den Gebrauch des Feuers, nicht aber den der Metalle. Sie fertigten mit vieler Mühe ihre Werkzeuge und Waffen aus Stein, aus Rentierhorn, Knochen und Zähnen, das war die so genannte Steinzeit (ältere oder paläolithische und die jüngere oder neolithische Steinzeit.)

Mit diesen armseligen Waffen erlegten die Menschen jener Zeit das riesige Mammut, das Nashorn, den Höhlenlöwen, den Höhlenbären, Tiere, die heute ausgestorben sind, ein glänzendes Zeugnis für den Mut und die hohe geistige Begabung jener Menschen. Sie verstanden auch schon Gefäße aus Ton herzustellen. Sie schminkten sich mit roter Farbe und gruben auf Horn, Knochen und Steinen Zeichnungen der sie umgebenden Tierwelt ein. Kräuter, Fleisch und Fische bildeten ihre Nahrung, Tierfelle ihre Kleidung.

Auf die Steinzeit folgt die Bronze- und Hallstädter Zeit. Aus jener Zeit stammen metallene Geräte und Waffen. Während die ersten Menschen in Höhlen wohnten, traten die späteren hervor aus den düsteren Höhlen in Gottes freie Natur. Es ist die Pfahlbauzeit. Überreste von Pfahlbauten wurden gefunden bei Bodman, Ludwigshafen, Sipplingen, Unteruhldingen, ebenso am Untersee und Mindelsee, auch im Aachmoor bei Rielasingen und am Federsee.

Die Fundstücke ergeben ein Bild der Kultur jener Zeiten. Wir haben keine Kunde von den Menschen der prähistorischen Zeit, wir kennen nicht ihre Namen, nicht ihre Sprache, und selbst die Kelten, zu denen wahrscheinlich die Pfahlbauer gehörten, haben nur spärliche Spuren hinterlassen.

Die Fundstücke aber geben uns Aufschluss, wie die Kultur von Volk zu Volk strömte! Sie geben uns Aufschluss über Wanderungen ganzer Völkerschaften und erzählen uns vom Kampf des Daseins, von Menschenfreud und Menschenleid, das auch jene Wilden schon verkosteten. Die Pfahlbaumenschen trieben schon Ackerbau und standen auch schon in Handelsbeziehungen mit anderen Stämmen. Das geht daraus hervor, dass man Beile fand aus Steinen, die bei uns gar nicht vorkommen z. B. Nephrith (aus Sibirien) und Hornstein. Ihre Wohnungen bauten sie auf Pfähle, wohl zum Schutz vor wilden Tieren und auch feindlichen Nachbarn. Ein großer Fortschritt wurde mit dem Bekannt werden der Metalle gemacht.

Zuerst verwendete man Kupfer. Dieses wurde bald verdrängt durch die Bronze, eine Mischung aus Kupfer und Zinn. Ihren Toten gaben sie für die Reise ins Jenseits Waffen, Werkzeuge, Schmucksachen, Speisen und Getränke in Schüsseln und Krügen mit. Manchmal wurden die Leichen auch verbrannt und die Asche in Urnen beigesetzt (Urnengräber, Grabhügel in Nenzingen und Liptingen). Es gab Hügelgräber und Flachgräber. Die Blütezeit der Bronze fällt in die Zeit vom 12. bis 9. Jahrhundert vor Christus.

Etwa um 800 vor Christus drang aus Italien das Eisen ein. Jetzt wurden eiserne Waffen und Kessel angefertigt und Bronze nur zu Schmucksachen verwendet. Aus der Eisenzeit, aus den Jahren um 500 vor Christus stammen Eisenbarren so genannte Eisenluppen, die in der Nähe des Braunenberger Hofes ausgegraben wurden und im Stockacher Heimatmuseum zu sehen sind.

Die späteren Kelten bauten Ringwallburgen (Bodenburg bei Bodman) und suchten Schutz in Felsenwohnungen (Heidenlöcher bei Zizenhausen, Überlingen, Bermatingen). Die Kelten der Eisenzeit bewohnten unsere Gegend bis etwa 300 vor Christus.

Im 2. Jahrhundert vor Christus wurden die Kelten von wandernden Scharen von Germanen in die heutige Schweiz hinüber verdrängt. Diese germanischen Stämme scheinen aber nicht sesshaft geworden zu sein. Sie wollten auch in Gallien, dem heutigen Frankreich eindringen; allein Cäsar, der römische Statthalter von Gallien, stellte sich ihnen entgegen und schlug sie in einem entscheidenden Sieg im Jahre 58 vor Christus im heutigen Oberelsaß.

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